Apologetik des Monotheismus
ml, 20170310


Wenn er sich soviel Arbeit gemacht hat und sich hingesetzt und die ganze Erde zusammengebastelt hat, dann will er auch, dass es alles geben soll. Begreifste das? Und wie würde es ausehen, wenn es alles gäbe, bloß keine Landstreicher?
Astrid Lindren, Rasmus und der Landstreicher

Verfasser ist aufgewachsen, erzogen worden, sozialisiert, in Geist und Ungeist von katholischem Glauben, Reden und Praktizieren.
Diesen ist er längst entwachsen.
Ja, besser noch, den Glauben als solchen, an den einen personalen Schöpfer-, Gesetzgeber- und Richtergott, der ja mehr als einer "abrahamitischen" Religion gemeinsam ist, hat er dankenswerterweise nie geteilt.

Er möchte aber manchem Kritiker dieser Institutionen entgegenhalten, dass nicht nur (a) diese in der Vergangenheit ihren guten Grund gehabt hatten und durchaus wohltätigen Einfluss, sondern auch (b) manche ihrer Überzeugungen durchaus löblich, nützlich, wahr und beachtenswert bleiben, auch ohne ihre monotheistische Grundlage.

Damit diese Apologetik aber nicht falsch verstanden wird, möchte er voranschicken in aller Deutlichkeit die Verdammung derjenigen Glaubensinhalte, die falsch, unangebracht, schädlich, ja: schändlich sind.

Zunächst einmal die Grundannahme der christlichen Religionen (wie das in den anderen abrahamitischen gehalten wird, sei dahingestellt), dass der Mensch a priori, vom Ursprung her, von Geburt an, an-sich und als-solcher, vor jedem Handeln schon und ganz ohne sein Zutun, -- wenn er aber handelt, dann aber erst recht -- : "böse", falsch agierend, im Unrecht, der "Vergebung bedürftig" und "sündhaft" wäre.
Und dass in Folge dessen dieser Gott einige Wundertaten vollbringen musste, unter anderem seinen Sohn abschlachten zu lassen, um uns von dieser "Sünde" zu "erlösen".
Das ist infam!
Gleich in mehrfacher Hinsicht infam!
Diese Grundannahme hat das Denken und Empfinden des Verfassers durch seine ganze Kindheit und Jugend vergiftet und ihn ernsthaft für viele Jahrzehnte krank gemacht! Die christlichen Religionen sind in dieser Hinsicht sehr giftig und durchaus gefährlich!

Zum zweiten lehnt Verfasser in aller Form den Anspruch einer jeden Religion, Sekte, Überzeugung, Wissenschaft, von Verein, Partei oder Clique ab, dank "direkter Offenbarung von Gottes Willen die ewigen Wahrheiten wissen zu dürfen". Wer immer mit diesem Anspruch auftritt, disqualifiziert sich bestenfalls als Betrüger, schlimmstenfalls als wahnsinnig.
(Es sei allerdings nicht verschwiegen, dass die moderne Theologie ein durchaus differenzierteres Bild von "Offenbarung" hat, in dem sowohl persönliches vernünftiges Denken als auch interpersonaler sachbezogener Diskurs zu den grundlegenden Mitteln gehören, die Gott einsetzt, um uns zur Wahrheit zu führen. Der Anspruch ist also ähnlich dem Hegels, aber immer noch nicht ganz frei vom brennenden Dornbusch.)

Dass Menschen oft Fehler machen, Grenzen überschreiten, anderer Rechte verletzen, ist unstrittig. (Jeder darf das auch gerne "Sünde" nennen, wenn man damit nicht stillschweigend weiteres impliziert.)
Verfasser ist jedenfalls gewiss, dass sich all das aber auch automatisch rächt, dass es etwas wie "Karma" gibt, das sich verdunkelt, wenn ich gegen das gute Recht meines Mitmenschen handele. Und dass ich mit jeder Form von "Sünde" letztlich gegen mich selbst handele. Dazu braucht es keines strafenden Gottes und keiner richtenden Priesterschaft.

Was nun, zum dritten, die Frage der "Existenz Gottes" angeht, so halten wir's mit Küng: Was soll dieses E-Wort überhaupt bedeuten?
ZWEIFELLOS existiert Gott! Er ist eine der wichtigsten, folgenreichsten, den vergangenen und (verhüte es Gott!-) auch zukünftigen Lauf der Geschichte am stärksten beeinflussenden, ja bestimmenden, das menschliche Handeln über Jahrtausende tragenden und hemmenden Wahnvorstellungen überhaupt.
Und wer behauptet, Wahnvorstellungen "existierten" nicht, ist halt noch nicht deren Opfer geworden.

Nun also zum Positiven:

Verfasser mag sehr die Re-Konstruktionen des Herrn Ranke-Graves, der u.a. die griechische Mythologie auf verblichene Erinnerungen an steinzeitliche Rituale und Herrschaftsformen unter einer "Mutter-Göttin" zurückführt [RGr].
Diese Rekonstruktionen erscheinen konsistent und wahrscheinlich. Auch wenn professionelle wissenschaftliche Forschung ihrem apodiktischen Anspruch durchaus widerspricht, so ersetzt sie diese nur durch Ähnliches, Vergleichbares, wenn auch Disparateres.

Allemal ist, auf diesem Hintergrund, die Einführung der "Olympischen Götter" (und dem analog die des "monotheistischen Jahwe") als ein deutlicher Fortschritt zu werten: Davor stieg der herrschende König (oder der Gatte, welcher der herrschenden Königin beigesellt war) regelmäßig zur Sommer- oder Wintersonnenwende in ein Versteck, z.B. eine vergrabene Urne, während ein "Knabe" für einen Tag dessen Rolle einnahm, danach auf ausgesuchte Weise ums Leben gebracht wurde und oft auch noch gekocht und verspeist.
Es wurde damals schon als Fortschritt betrachtet, wenn nicht nur männliche sondern auch weibliche Kinder "geopfert" werden durften [RGr, Sec.169,5].

Der Mensch ist ein Angst-Beißer.
Aus Angst vor Dürre, Sturm und Hungersnot Kinder zu schlachten scheint ein natürlicher Vorgang. Mit wahrscheinlich einigen orgiastischen Anteilen. Diese diffuse Angst zu ersetzen durch die vor EINER PERSON, ist ein Fortschritt: Wenn NUN nämlich eine Hungersnot kommt, dann "zürnt" diese Person, und sie wird schon einen Grund dafür haben, da sie als Person "vernünftig" ist, also selber nach Regeln handelt und ihren Knechten Regeln auferlegt, gegen die offensichtlich verstoßen worden war.

Ein weiterer Fortschritt ist, das der so behauptete Eine alles weiß und alles sieht: Selbst in einsamster Wüste darf ich nicht die Witwe berauben und ihrer Enkelin Gewalt an tun, denn gibt es auch keine überlebenden menschlichen Zeugen, so halt doch jenen, der nicht nur von dem Verbrechen weiß, sondern auch die unbedingte Macht hat, es zu bestrafen. Sofort oder später.
Selbstverständlich ist diese Internalisierung durch Externalisierung von Verhaltensregeln ein Fortschritt, verglichen mit der vorangehenden nackten Gewalt, der Terrorherrschaft des Stärkeren.
Es herrscht hier immer noch die Gewalt, aber die gesellschaftliche, allgemein anerkannte, im Reden der Priester konzentriert und gebündelt, und damit auch kritischer Kontrolle unterworfen, wenn diese auch wohl nur selten gewagt wurde, anzumerken.

(
Der Alles-Wissende ist aber auch (notwendigerweise) ein Alles-Verstehender, und da beginnt dann der unauflösbare begriffliche Widerspruch zwischen Gnade und Gerechtigkeit, der Jahrhunderte später die Theorie des Christentums so unverdaulich machen wird ...

Das moderene Denken löst diesen Widerspruch teilweise wie folgt: Mein Hirn besteht aus sehr verschiedenartigen Schichten, die in unterschiedlichen Situationen mehr oder weniger Anteil an meinem Verhalten haben. "Ich als Großhirnrinde" ist deshalb nicht verantwortlich, sobald "Ich das Kleinhirn" in einer Affekt-Situation ein Angriffs- und Tötungs-Programm abspult. Es ist aber durchaus dafür verantwortlich, vorher, solange es noch die Kontrolle hat, durch Übung und Erziehung, durch Meditation und Sport sich dahin zu trainieren, dass eine solche Situation gar nicht erst eintritt.
Dieses Modell von Handlung und Verantwortlichkeit wird durchaus auch von der modernen Rechtsprechung vertreten.
)

Das alles brauchen und wollen wir nicht mehr.
Dennoch aber ist viel davon noch mächtig und lebendig. Teils unbemerkt.
Zunächst die so unschuldig daherkommenden Konzepte:
Die Idee eines "All-Wissenden", der auf alle Fragen eine Antwort weiß, ist ja (zunächst) keine dumme. Sie mutierte während der Aufklärung zur Idee eines "Systems zusammenhängender Wissenschaften", das, wenn es erst einmal vollständig aufgebaut sein wird, ebenfalls alles beantworten kann.
Und die Idee der "ewigen Gerechtigkeit" wurde zur Zielvorstellung der "praktizierten Gerechtigkeit", eines dem abstrakten Ideal möglichst weit angenäherten "gerechten" Gesetzessystems, Steuerregulativs, Haftungs-, Straf- und Strafprozessrechtes, etc.

Modernes Denken weiß, wie wenig stabil, ja, wie wenig MÖGLICH diese Konstruktionen sind, nimmt man ihre Ziele ernst.
Der Widerspruch der Wirklichkeit ist inhärent und unauflösbar. Und solche Idealkonstruktionen sind illusionen. Im besten Falle harmlos; oft schädlich; schlimmstenfalls verderbenbringend und böse.

Aber was bleibt denn mit Berechtigung?

Hier hat besonders das Christentum u.E. durchaus Gutes, Wichtiges, ja, Unverzichtbares gebracht. Als allererstes glaube ich fest an die Notwendigkeit der VORAUSSETZUNGSLOSEN AKZEPTANZ des Mitmenschen. Und an seine unvergleichbare Würde.
Das radikale Christentum vergleicht nicht. Kein Mensch darf durch seine Stellung, seine Fähigkeiten, sein Verhalten, seine Leistung, etc. BEWERTET werden. Der WERT eines Menschen ist seine Individualität, nicht mehr und nicht weniger. In der Sprache der Bibel "Jeder ist Gottes Ebenbild" und "Was ihr dem Geringsten unter euren Brüdern tut ...".
Wobei es genauer ja heißen muss "Was ihr dem unter euren Brüdern, den ihr fälschlicherweise für den geringsten haltet, tut, ...".

Das glaube ich fest, und zwar weniger aus ethischen Überlegungen, sondern mehr aus rein systemtheoretischen. Diese Argumentation verläuft wie folgt:

  1. Der "Mensch" als Phänomen ist ein politisches, ein soziales. Kein Mensch kann ohne andere existieren, nur als Teil der Gesamtheit ist der einzelne Mensch lebensfähig.
  2. Aber mehr noch, der "Mensch" als Konzept ist nur realisierbar als Plural: Kein Mensch kann in sich alle Möglichkeiten des Mensch-Seins verwirklichen; jede Fähigkeit ist eine Einschränkung. Ein Mensch kann Weltklasse-Schi-Abfährtsläufer nur dann werden, wenn er nicht Konzertpianist werden will. Oder Landesschülersprecher. Jeder Mensch ist AB-WICKLUNG ganz weniger Möglichkeiten des Mensch-Seins, unter Verzicht auf fast alle anderen. Deswegen ist kein Mensch als solcher ein optimaler Mensch; einen solchen kann es nicht geben; das liegt in der Natur der Sache.
  3. Deswegen sind alle Vergleiche wie besser/schlechter, mehr/weniger vollkommen, wichtiger und wertvoller etc. zutiefst inadäquat. Der verlauste Penner in der Pissrinne ist genau der, den der Dermatologieprofessor BRAUCHT, um eine weltverbessernde Therapieform zu entwickeln.
  4. Deswegen ist nur die Gesamtheit aller Menschen, von denen jeder einzelne je anders und unverwechselbar ist, "Gottes Ebenbild". Und jeder von denen ist notwendig, wichtig und würdig, genau an seiner Stelle.

Unter anderem ist darin eine unverhandelbare Absage an Leistungsprinzip und Rassismus eingeschlossen. Man mag diesen Standpunkt extrem oder radikal finden, -- Verfasser empfindet ihn schlicht als den einzig logisch konsistenten. Folglich: als den einzig möglichen.

"Sammelt Euch Schätze im Himmelreich ..." Als wichtigste Errungenschaft des Christentums bleibt das Primat des Ewigen Lebens, die Unsterblichkeit der Seele: Im Sterben koppelt sich lediglich das eigene Zeitempfinden von dem der Außenwelt ab, und wir gehen in die Ewigkeit ein (wie an anderer Stelle ausgeführt). Dass diese eine gute werde, ist das höchste Gut im menschlichen Leben und unser wichtigstes Ziel.

[RGr]
Robert Ranke-Graves
Griechische Mythologie
Quellen und Deutung
Rowohlt, Reinbek bei Hbg, 1960
ISBN 978-3-86647-211-2




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